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Einmal band die physische Konzentration des Gehens alle Aufmerksamkeit, so daß Kraft und Zeit für die Photographie schlichtweg fehlten. Zum anderen zeigten die wenigen Versuche, daß diese Art des Bildermachens nicht mit der Erfahrung einer radikal entschleunigten Bewegung vereinbar war. Verbunden mit einer Seinsweise, die täglich 30.000 bis 40.000 Schritte abverlangte, war nämlich eine unmerkliche Veränderung der Wahrnehmung. Vom reizüberfluteten Ereignis glitt
der Blick allmählich in eine oFene wie willenlose Anschauung der Din-ge und Menschen, denen man am Wegesrand begegnete. Es handelt sich hierbei um eine kollektive Erfahrung, die Wahrnehmungspsychologen und Neurobiologen sicher erschöpfend zu klären wissen, für den Gehenden indes eine wundersame Transformation bedeutet, die Körper, Leib und Seele gesunden läßt. Auch für den Photographen barg dieser tiefgreifende Entschleunigungsprozeß eine überraschende Erkenntnis. Rund 900 Kilometer pilgerte Sven Nieder nach Westen, bis er schließlich beseelt und nachsinnend zugleich bei seiner Ankunft am Kap von Fini-sterre auf den Atlantik schaute. Eine Lehre seines Jakobsweges hieß wohl, das miraculum des Pilgerns solle nicht in bestechend scharfen Photographien, sondern allein in den leuchtenden Augen des Zurückgekehrten ablesbar sein.
Hier könnte das Lehrstück im Sinne von Cäsarius von Heisterbach beendet sein, ließe man außer acht, daß sich während des Pilgerns äusserst fruchtbare Gedanken formen können. »Solvitur ambulando«, sagte schon Augustinus, manches löst sich im Gehen. Instinktiv erinnerte sich Sven Nieder auf dem Jakobsweg an den Archetyp der Photographie, dessen Ursprünge sich bis ins Mittelalter und in die Antike zurückverfolgen lassen. Der angelsächsische Theologe und Philosoph Roger Bacon, ein Zeitgenosse von Cäsarius, hatte um 1260 bereits mit Räumen experimentiert, in denen man ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Welt gewinnen konnte. Es waren dunkle Kammern, in denen durch ein winziges Loch Sonnenstrahlen eindringen konnten, die auf der entgegengesetzten Wand ein umgekehrtes Bild des äußeren Raumes zeichneten. Als Camera Obscura wurde dieser Vorläufer des Photoapparats bezeichnet, der als optisches Hilfsmittel vor allem bei Malern Verwendung finden sollte.

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© Christoph Schaden, Ein Abdruck des Gehens, aus dem Buch "Santiago - eine Pilgerreise in Bildern der Camera Obscura"