Seite 5/5

Sven Nieders Aufnahmen der Camera Obscura verweigern sich dem spektakulären EFekt des Ereignishaften, verzichten weithin auf den Charakter des Illustrativen. Bedingt durch ihre nur halbwegs von künstlerischer Intention geleiteten Entstehung strahlen sie vielmehr
eine tiefe Gelassenheit aus, die dem Gegenwärtigen huldigt. Gleichermaßen scharf und bedeutend ist jedes einzelne Element in den zu Bildern geronnenen Landschaftsräumen, es scheint, als habe sich der Augenblick selbst einmal Zeit genommen. In der Summe spiegelt die kontemplative Bilderfolge denn auch die simple lineare Grundstruktur des Weges wider, der einzig durch mühevolles Durchschreiten Tag für Tag ein Stück bewältigt werden kann.
Die Pilgerreise des Sven Nieder ist ein entschleunigter Gang in
den Frühling, in dem alles seine Gültigkeit besitzt. Fast beiläufig erkennen wir die lokalen Höhepunkte der Pilgerfahrt, etwa die Templerkirche von Eunate, die romanische Brücke in Puenta la Reina, die überwältigende Kathedrale in León oder das berühmte Eisenkreuz, das im Laufe der Zeit von Steinen überhäuft worden ist. Wer den Weg einmal gegangen ist, dem werden auch die wunderbar kuriosen Orte wieder begegnen, die der Camino bereithält: das Domizil des selbsternannten letzten Templers Tomáso zum Beispiel, oder die esoterische Enklave Sambol inmitten der wüstenähnlichen Hochebene der Meseta. Das eigentliche Wunder des Jakobsweges jedoch sind all die unscheinbaren Momente am Wegesrand, die wir im Tempo des Gehens erst wahrnehmen können. Eine Baumblüte etwa, ein Sonnenaufgang oder ein verlassener Spielplatz. Und immer wieder das ChiFre des Kreuzes, das an die Endlichkeit allen Lebens erinnert. Später, mit der Ankunft am Apostelgrab und dem Blick auf die Weite des Atlantiks, wird spürbar, daß das Gehen selbst einen Abdruck in unserer Seele hinterlassen hat.

So wird der, der weit geht, ein anderer Mensch.

Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5

© Christoph Schaden, Ein Abdruck des Gehens, aus dem Buch "Santiago - eine Pilgerreise in Bildern der Camera Obscura"